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"Schwing die Arme auf und ab,
(...)
setzt euch jetzt in Trab,
Super Mario!
Ein Schritt vor
und noch einmal,
ich tanz den Mario!"


Endsong aus
SUPER MARIO WORLD

Mario der Große

Es war einmal ein Neonazi, der hatte eine gute Idee. Er dachte sich: Langowski hat eine Mailing-Liste, da schleiche ich mich mal ein. Vielleicht fällt ja etwas Interessantes ab.

  

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Wahrscheinlich hat er seinen Decknamen aus einem bekannten Comic-Adventure entlehnt (siehe oben); er interessiert sich ja auch für Rollenspiele. Vielleicht dachte er auch an Philip Marlowe, den coolsten Schnüffler aller Zeiten.

Jedenfalls zog er sich die Unterwanderstiefel an und schrieb sich als "Marlo Thebig" (lies: Mario The Big) in die Liste ein.

Er hat eine Weile zugehört und mitgelesen und schließlich den Email-Verkehr der Mailingliste auf einer Web-Site veröffentlicht. Das schien ihm ein großer Triumph zu sein: Er hatte es geschafft, den Feind abzuhören.

Allerdings hat er ein paar Fehler gemacht und ist schon vor längerer Zeit aufgefallen. Von diesem Zeitpunkt an hat er kaum noch echten Email-Verkehr gesehen, sondern eher eine kleine Scharade, die eigens für ihn inszeniert wurde. Er wurde mit Fehlinformationen versorgt, die er inzwischen brav veröffentlicht hat - immer im festen Glauben, er hätte eine konspirative Gruppe von Linksextremisten belauscht.

Natürlich werde ich nicht verraten, welche der veröffentlichten Informationen wahr sind und welche nicht; das muss er jetzt schon selbst sortieren.

Außerdem wäre es nicht sinnvoll, an dieser Stelle ausführlich zu erklären, welche Fehler er gemacht hat, denn das wäre ja eine Anleitung, es das nächste Mal besser zu machen. Nur ein paar der allerdümmsten sollen hier erwähnt werden.

Herr Vermaurer gibt sich die Ehre

Ein ziemlich dummer Fehler war der, dass er sich auf seiner Web-Site selbst einen Namen zugeordnet hat. In die Mailingliste hat er sich als Marlo TheBig eingetragen, im WWW wurde er plötzlich als Marlo Vermaurer aufgeführt. Woher hatte Herr Marlo TheBig diese wichtige Information, wenn nicht von Herrn Marlo TheBig? Oder war es etwa umgekehrt? Aber egal.

Der Name war jedenfalls vorher nirgends aufgetaucht. Diesen Namen hat Mario der Trickreiche sich einfach ausgedacht, um so zu tun, als hätte er etwas Wichtiges über sich herausgefinden, oder vielleicht auch nur, um zu testen, wie aufmerksam wir sind. Wenn dies zutrifft, dann muss er gekichert und geglaubt haben, ich läge im Koma. Der Name stimmt natürlich nicht, aber immerhin: gemessen an seinen sonstigen Möglichkeiten war das eine richtig gute Idee. Und so unauffällig.

Das verräterische ß

Der zweite Fehler war der, dass mehrere Leute "Adreße" immer auf die gleiche Weise falsch geschrieben haben: Mario der Geheimagent, Mario der Webmaster und Mario das Obstgewächs samt Mitesser in news:de.alt.soc.verschwoerung.

Ein Beweis ist so etwas natürlich nicht, aber es ist ein sehr aufschlussreiches Detail. Im gesamten Bestand von Google, in Abermillionen von archivierten Usenet-Artikeln, kam dieser Fehler zu diesem Zeitpunkt nur in 67 Texten vor. Die meisten davon stammten von immer denselben, hier völlig uninteressanten Autoren. Es gibt also nur eine Handvoll Menschen, die diesen Fehler machen, und wenn drei bis vier davon in ein und derselben Situation in ein und demselben Umfeld zur gleichen Zeit auftauchen, dann muss man schon heftig was an der Kirsche haben, um dies als bloßen Zufall abzutun.

Ausgezählt

Der dritte und schönste Fehler - oder der dümmste und peinlichste, je nach Standpunkt -, steckt gleich in mehrfacher Ausführung in der Datei <archiv.zip>, die Mario der Flüchtige auf seiner Web-Site zum Download anbietet. Diese Datei enthält die Email-Nachrichten aus meinem bereits erwähnten Verteiler. Vor der Veröffentlichung musste Mario der Fleißige aber aus den Kopfzeilen der Emails all die Zeilen herauslöschen, aus denen hervorging, dass er selbst die Emails empfangen hat; denn damit hätte er sich verraten.

Also hat Mario der Müde eine Nachtschicht eingelegt und 157 Emails umkopiert, umfrisiert und nachbearbeitet, und dann hat er die 164 bearbeiteten Emails ins Archiv gepackt und hochge-

Wie bitte?

Ja doch, genau so war es. 157 Emails hat er umkopiert, umfrisiert und nachbearbeitet, und 164 hat er hochgeladen. Bei 7 Emails standen die Header noch drin. Die Header, aus denen man ablesen kann, dass er selbst der Empfänger war.

Mario der Mitarbeiter hatte auch vorher schon gewisse Probleme, denn ohne Fleiß kein Preis, wie man so sagt. Die Mailingliste ist nämlich für Leute da, die mit Argumenten gegen Auschwitzleugner im Internet vorgehen wollen. Um in diesem feindlichen Biotop nicht aufzufallen, musste Mario der Eifrige ganz besonders tüchtig mitarbeiten. Auf meine scheinbar an alle Listenmitglieder, in Wirklichkeit aber nur an ihn gerichtete Frage, ob mir jemand helfen könne, einschlägige und besonders entlarvende Zitate von Nazis zu finden, antwortete er:

Also ich werde jetzt das Buch "Das Dritte Reich und seine Denker" von Leon Poliakov und Joseph Wulf durcharbeiten.

Suchst du nur Zitate zum Judenmord oder auch andere, z.B. allgemein menschenverachtende oder offensichtlich hirnrissige Ideen dieser "Denker"?

Ich habe dieses Angebot zur Mitarbeit gern aufgegriffen. Seine braunen Kameraden dürften allerdings weniger begeistert sein, wenn sie hören, dass Herr M. oder Herr K. - je nachdem, unter welcher seiner multiplen Persönlichkeiten er gerade seine nächsten Fehler vorbereitet - ausgerechnet für den Erzfeind Langowski Literaturrecherchen durchgeführt hat.

Nach Veröffentlichung dieses Textes wird Mario der Belesene die Zitate wohl nicht mehr liefern; aber verloren sind sie trotzdem nicht. Er kann sie ja nach news:de.alt.soc.verschwoerung posten, damit all die Arbeit nicht ganz umsonst war.

Davon abgesehen, war auch der Informationsfluss recht aufschlussreich. Es war zeitweise sehr spannend zu beobachten, welche der Häppchen, die Mario der Arglose bekommen hat, bei welchen Leuten in offenen oder privaten Mitteilungen wieder aufgetaucht sind. Daraus ließen sich interessante Rückschlüsse über die Bevölkerung verschiedener Web-Foren ableiten. Wenn man sieht, wie viele Teilnehmer dort mit ihren virtuellen Klonen Selbstgespräche führen, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Personaldecke ziemlich dünn ist; aber das ist ein anderes Kapitel, mit dem wir uns gelegentlich mal gesondert vergnügen können. Jedenfalls dürften seine Kameraden auch auf die Tatsache, dass der Informationsfluss ein durchaus zweiseitiger war, eher ungehalten reagieren.

Natürlich heißt Mario der Vielnamige im wirklichen Leben ganz anders; und natürlich weiß ich schon seit einer ganzen Weile, wer er ist, was er treibt und wo er lebt. Aber im Gegensatz zu manchen anderen Leuten halte ich es nicht für sinnvoll, die persönlichen Daten politischer Gegner zu veröffentlichen und sie im Privatleben zu behelligen.

Nur eins sei noch gesagt: Es kam das Gerücht auf, der Berliner Holocaust-Leugner Marzahn, um den es dabei auch ging, sei möglicherweise mit Mario dem Abgetauchten identisch. Diese Vermutung trifft ganz sicher nicht zu. Herr Marzahn war offenbar sogar so intelligent, noch vor Mario dem Abgemeldeten zu bemerken, dass sich da etwas zusammenbrauen würde, und hat sich sichtlich zurückgehalten. Ein IQ von 125 ist manchmal eben doch ein Vorteil. Wenn man ihn hat.



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