BÜCHER

Jim Butcher

Die dunklen Fälle des Harry Dresden: Grabesruhe

Buchcover Jim Butcher - Harry Dresden: Grabesruhe
Erscheinungsdatum: September 2007
Knaur Verlag, München
ISBN: 3-426-63442-2
ISBN-13: 978-3-426-63442-4
Website des Autors: http://www.jim-butcher.com/


Leseprobe

1. Kapitel

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass ich nicht gern schnell fahre. Zum einen beginnt der blaue Käfer, mein in Wirklichkeit kunterbunter Volkswagen, gefährlich zu klappern und zu stöhnen, sobald ich auf mehr als neunzig Stundenkilometer beschleunige. Zweitens habe ich gewisse Schwierigkeiten mit der Technik. Alles, was nach dem Zweiten Weltkrieg hergestellt wurde, gibt unvermittelt den Geist auf, sobald ich in der Nähe bin. Daher fahre ich stets äußerst vorsichtig und aufmerksam.

Dieser Abend war allerdings eine jener Ausnahmen, die die Regel bestätigten.

Mit quietschenden Reifen lenkte ich den Käfer um eine Ecke, obwohl ein Schild das Linksabbiegen verbot. Das alte Auto heulte wild auf, als wüsste es, was auf dem Spiel stand, und ratterte, knirschte und klapperte tapfer weiter, während wir die Straße hinunterrasten.

"Können wir nicht schneller fahren?", brummte Michael. Er wollte sich nicht beklagen, es war nur eine sachliche Frage.

"Leider nur bergab oder mit Rückenwind", sagte ich. "Wie weit ist es noch bis zum Krankenhaus?"

Der große Mann zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf. Er wirkte äußerst vertrauenerweckend mit seinem grau melierten Haar und dem dunkelbraunen, fast schwarzen Bart. Das wettergegerbte Gesicht war von Sorgen- und Lachfalten gleichermaßen gezeichnet. Er hatte die kräftigen Arbeiterhände auf die Knie gelegt, die er im engen Käfer etwas anziehen musste.

"Ich bin nicht sicher", antwortete er. "Drei Kilometer vielleicht?"

Ich spähte durchs Fenster in die Dämmerung hinaus. "Die Sonne ist schon fast untergegangen. Hoffentlich kommen wir nicht zu spät."

"Wir tun, was wir können", beruhigte Michael mich. "Wenn Gott will, werden wir rechtzeitig dort sein. Bist du sicher, was deine …" Er schnitt eine missmutige Grimasse. "Was deine ‚Quelle' angeht?"

"Bob ist zwar eine Nervensäge, irrt sich aber nur selten", antwortete ich, während ich in die Eisen stieg und einem Müllwagen auswich. "Wenn er sagt, der Geist sei dort, dann ist er auch dort."

"Herr, steh uns bei." Michael bekreuzigte sich. Irgendetwas regte sich, eine mächtige und unerschütterliche Energie strahlte von ihm aus - die Kraft des Glaubens. "Harry, es gibt da noch etwas, das ich mit dir besprechen wollte."

"Bitte mich jetzt bloß nicht, wieder zur Messe zu gehen", wehrte ich ab. "Du weißt genau, dass ich das ablehnen muss." Ein roter Taurus schnitt uns, ich musste abrupt auf die Abbiegespur ausweichen und setzte mich wieder vor ihn. Dabei hoben sich zwei Räder des Käfers vom Boden ab. "Idiot!", brüllte ich zu ihm hinüber.

"Das schließt nicht aus, dass ich dich darum bitte", fragte Michael. "Aber das war es nicht. Vielmehr wollte ich mich erkundigen, wann du Miss Rodriguez heiratest."

"Bei den Toren der Hölle", schimpfte ich. "Wir hetzen seit zwei Wochen kreuz und quer durch die Stadt, wir nehmen es mit allen möglichen Geistern und Gespenstern auf, die plötzlich aus ihren Löchern gekrochen kommen, und haben bisher noch keinen blassen Schimmer, was die Geisterwelt veranlasst hat, derart durchzudrehen."

"Das weiß ich doch, aber …"

"Im Augenblick", unterbrach ich ihn, "sind wir hinter einer hässlichen alten Hexe im Cook County her, die uns jederzeit umbringen könnte, wenn wir nicht aufpassen. Und du fragst mich nach meinem Liebesleben!"

Michael musterte mich finster. "Aber du schläfst mit ihr, oder nicht?"

"Nicht oft genug", knurrte ich und wechselte die Spur, um einen Bus zu überholen.

Der Ritter seufzte. "Liebst du sie?", fragte er.

"Michael", antwortete ich. "Lass mich jetzt bitte damit in Ruhe. Wie kommst du darauf, mir solche Fragen zu stellen?"

"Liebst du sie?", bohrte er.

"Ich versuche gerade, Auto zu fahren."

"Harry", sagte er lächelnd, "liebst du das Mädchen oder nicht? So schwierig ist das doch gar nicht zu beantworten."

"Da spricht der Fachmann", grollte ich. Dreißig Stundenkilometer schneller als erlaubt überholte ich einen blauweißen Wagen und bekam gerade noch mit, wie der Polizist hinterm Lenkrad verdutzt blinzelte und seinen Kaffee verschüttete, als er mich vorbeirasen sah. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte mir, dass er das Blaulicht eingeschaltet hatte. "Verdammt, jetzt reicht es aber. Die Cops sind hinter uns her."

"Mach dir ihretwegen keine Sorgen", beruhigte Michael mich. "Beantworte nur meine Frage."

Ich warf Michael einen raschen Blick zu. Er betrachtete mich mit seinem breiten, ehrlichen Gesicht, dem markanten Kinn und den strahlenden grauen Augen. Sein Haar war militärisch kurz geschnitten, und den Bart hatte er kurz getrimmt wie ein Krieger der Antike.

"Ich denke schon", sagte ich nach einem Moment. "Yeah."

"Dann macht es dir doch auch nichts aus, es auszusprechen, oder?"

"Was soll ich aussprechen?", sträubte ich mich.

"Harry", schalt mich Michael. Er musste sich festhalten, als wir durch ein Schlagloch holperten. "Sei nicht so kindisch. Wenn du die Frau liebst, dann musst du es ihr sagen."

"Warum denn?"

"Also hast du es ihr nicht gesagt. Du hast es ihr nie gesagt."

Ich sah ihn böse an. "Und wenn schon. Sie weiß es doch. Was soll das Theater?"

"Harry Dresden", sagte er. "Gerade du solltest doch wissen, wie wichtig Worte sind."

"Hör mal, sie weiß es." Ich tippte kurz auf die Bremse und gab sofort wieder Gas. "Ich habe ihr eine Karte geschickt."

"Eine Karte?", fragte Michael.

"Von Hallmark."

Er seufzte. "Ich will hören, wie du es sagst."

"Was denn?"

"Sprich die Worte aus", verlangte er. "Wenn du die Frau liebst, dann kannst du es ihr auch sagen."

"Ich laufe nicht in der Weltgeschichte herum und sage so was zu allen möglichen Leuten. Das … ich kann so was einfach nicht, verstehst du?"

"Du liebst sie nicht", sagte Michael. "Ich verstehe."

"Du weißt genau, dass es nicht …"

"Sag es."

"Wenn du mich dann in Ruhe lässt." Ich trat das Gaspedal des Käfers bis zum Anschlag durch. Der Streifenwagen war zum Glück ein ganzes Stück hinter uns. "Also gut." Ich warf Michael noch einen unwirschen Magierblick zu und knurrte: "Ich liebe sie. Ist jetzt endlich Ruhe?"

Michael strahlte. "Siehst du? Das ist das Einzige, was zwischen euch beiden steht. Es liegt dir nicht, anderen mitzuteilen, was du empfindest, und du blickst auch nicht gern in dein Inneres. Manchmal musst du nur in den Spiegel sehen, um zu erkennen, was in dir ist."

"Ich mag keine Spiegel", knurrte ich.

"Egal. Du musstest dir jedenfalls darüber klar werden, dass du die Frau wirklich liebst. Ich dachte schon, du könntest dich nach Elaine zu sehr zurückziehen und nie wieder …"

Ich platzte beinahe vor Wut. "Über Elaine will ich nicht reden. Niemals. Wenn dir das nicht passt, dann scher dich zum Teufel und lass mich alleine arbeiten."

Michael starrte mich entrüstet an, was aber vermutlich eher an meiner Wortwahl als an irgendetwas anderem lag. "Ich rede über Susan. Wenn du sie liebst, dann solltest du sie heiraten."

"Ich bin ein Magier. Ich habe keine Zeit, für ein Eheleben."

"Ich bin ein Ritter", erwiderte Michael. "Und ich habe die Zeit dazu. Es ist der Mühe wert. Du bist zu viel allein, und das färbt ab."

Wieder funkelte ich ihn an. "Was meinst du damit?"

"Du stehst unter Druck, du bist griesgrämig. Du isolierst dich immer stärker. Du brauchst Kontakte zu anderen Menschen. Du stehst kurz davor, einen dunklen Weg einzuschlagen."

"Michael", fauchte ich. "Ich kann jetzt keinen Vortrag gebrauchen, und erst recht keine Predigten, die mich bekehren sollen. Ich brauche keine Vorhaltungen, dass ich den dunklen Mächten abschwören soll, ehe sie mich verschlingen. Nicht schon wieder. Gib mir lieber Rückendeckung, während ich mich um dieses Durcheinander kümmere."

Das Cook County Hospital kam in Sicht, und ich wendete vorschriftswidrig, um den blauen Käfer in die Einfahrt der Notaufnahme zu lenken.

Michael löste seinen Sicherheitsgurt, bevor das Auto stand, und holte sein riesiges Schwert vom Rücksitz. Es war anderthalb Meter lang und steckte in einer schwarzen Scheide. Er stieg aus und gürtete die Waffe. Dann holte er einen weißen Kittel mit einem roten Kreuz auf der linken Brust heraus und warf ihn sich mit geübten Bewegungen über die Schultern. Mit einem silbernen Kreuz verschloss er die Uniform vor der Brust. Der Kittel passte nicht recht zu seinem Flanellhemd, den Jeans und den Arbeitsstiefeln mit den Stahlkappen.

"Kannst du nicht wenigstens den Kittel weglassen?", klagte ich. Ich öffnete die Fahrertür und entfaltete mich, nachdem ich auf dem Fahrersitz eingeklemmt gewesen war, streckte die langen Beine und holte auch meine Ausrüstung vom Rücksitz - meinen neuen Magierstab und den Sprengstock, beide frisch geschnitzt und an den Enden noch leicht grün.

Michael sah mich verletzt an. "Der Kittel ist ebenso ein Symbol für meine Arbeit wie das Schwert. Außerdem ist er lange nicht so lächerlich wie dein Mantel."

Ich betrachtete den schwarzen Ledermantel mit den großen Aufschlägen, der auf meinen Schultern lag und angenehm schwer um meine Beine wallte. Meine schwarzen Jeans und das dunkle Westernhemd waren um ein paar Jahrtausende modischer als Michaels Aufzug. "Was stimmt damit nicht?"

"So was gehört in Filme wie Eldorado", sagte Michael. "Bist du bereit?"

Seine Frage beantwortete ich mit einem vernichtenden Blick, worauf er milde lächelte. Nebeneinander gingen wir zur Tür. Hinter uns näherten sich die Polizeisirenen, sie waren höchstens noch einen Block entfernt. "Das wird knapp."

"Dann sollten wir uns beeilen." Er zog den rechten Ärmel des Kittels hoch, legte die Hand auf das Heft des mächtigen Breitschwerts, neigte den Kopf und bekreuzigte sich. "Allmächtiger Vater", murmelte er, "führe uns und beschütze uns im Kampf gegen die Finsternis." Wieder strahlte eine starke Energie von ihm aus, ähnlich den Schallschwingungen von lauter Musik, die sich durch dicke Mauern fortsetzen.

Kopfschüttelnd zog ich einen Lederbeutel, der so groß war wie meine Hand, aus der Manteltasche. Einen Moment musste ich mit Stab, Sprengstock und Beutel jonglieren, bis ich den Stab in der linken Hand hielt, wie es sich gehörte, während ich den Sprengstock in die rechte nahm und der Beutel an der Schnur zwischen meinen Zähnen baumelte. "Die Sonne ist untergegangen", nuschelte ich. "Lass uns anfangen."

Damit rannten wir los, der Ritter und der Magier, und stürzten durch die Notaufnahme ins Cook County Hospital. Natürlich erregten wir großes Aufsehen, als wir eintraten - ich mit dem Mantel, der wie eine schwarze Wolke hinter mir wallte, Michael mit dem weißen Kittel, der flatterte wie die Flügel des Racheengels, dessen Namensvetter er war. Wir platzten hinein und blieben an der ersten Kreuzung der kühlen, sterilen, belebten Gänge stehen.

Den ersten Pfleger, der mir über den Weg lief, hielt ich am Arm fest. Er blinzelte, dann musterte er mich von den Spitzen meiner Cowboystiefel bis zum dunklen Haar auf meinem Kopf. Nervös beäugte er meinen Stab, den Stock und den silbernen Drudenfuß, der vor meiner Brust baumelte. Er schluckte schwer. Schließlich starrte er den großen, breitschultrigen Michael an, dessen gelassene Miene überhaupt nicht zu dem weißen Kittel und dem Breitschwert an der Hüfte passte.

Verunsichert wich er einen Schritt zurück. "K-kann ich Ihnen irgendwie helfen?"

Ich setzte mein finsterstes, wildestes Lächeln auf und sagte mit zusammengebissenen Zähnen, ohne den Lederbeutel loszulassen: "Hi. Könnten Sie uns bitte sagen, wo die Entbindungsstation ist?"


Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Knaur-Verlags.

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