BÜCHER

Stan Nicholls

Die Orks - Blutrache

Buchcover Stan Nicholls - Die Orks - Blutrache
Erscheinungsdatum: Dezember 2007
Heyne Verlag, München
ISBN-10: 3453532015
ISBN-13: 978-3453532014
Website des Autors: http://www.stannicholls.com/


Leseprobe

1

Eine Seuche suchte das Land heim.

Eine wandelnde Pestilenz war es. Eine mickrige Rasse von widerlichem Aussehen mit weichem, bleichem Fleisch und einem gefräßigen Bauch. Eine unersättliche Landplage, die auf Zerstörung aus war. Sie riss die Eingeweide der Erde auf, plünderte ihre Schätze und vergiftete das Wasser. Zwietracht und Krankheit brachte sie über das Land. Sie vernichtete die Magie.

Die Zerstörungswut wurde nur noch von ihrer Überheblichkeit übertroffen. Sie empfanden Verachtung für alle anderen Rassen und schlachteten sie begeistert ab. Die Feindseligkeit richtete sich jedoch nicht nur gegen jene, die anders waren. Auch untereinander kämpften sie. Es gab Blutvergießen zwischen ihren Fraktionen und Kriege zwischen ihren Stämmen. Sie töteten sich ohne triftigen Grund, und alle anderen Rassen fürchteten sich vor ihnen.

Bis auf eine.

Im Gegensatz zur Pestilenz mordeten sie nicht zum Vergnügen und zerstörten nicht aus bloßer Freude an der Zerstörung. Es mangelte ihnen nicht an Edelmut oder Ehre, und sie boten keinen schrecklichen Anblick. Sie sahen gut aus und waren mutig. Sie waren die ...

"Orks!", krähten die Kinder im Chor.

Thirzarr grinste. "Ihr zwei seid zu schlau für mich."

"Wir sind immer die Helden in den Geschichten", erinnerte Corb sie.

"Hier sind doch keine Menschenmonster in der Nähe, Mami?", erkundigte sich sein Bruder etwas ängstlich.

"Nein, Janch", beruhigte Thirzarr ihn, "in ganz Ceragan gibt es keine Menschen."

"Ich würde sie umbringen, wenn sie da wären!", verkündete Corb und präsentierte sein kleines Holzschwert.

"Gewiss würdest du das tun, mein Lieber. Aber jetzt gib es mir." Widerwillig drückte er Thirzarr das Schwert in die ausgestreckte Hand. "Es ist Zeit, dass ihr schlaft."

"Neeiiiiin!", protestierten sie.

"Du musst die Geschichte zu Ende erzählen!", drängelte Corb.

"Erzähl uns noch was über Jennesta!", forderte Janch.

"Ja!", bekräftigte sein Bruder und hüpfte auf und ab. "Erzähl uns von der Hexe!"

"Dann bekommt ihr zwei doch nur wieder Albträume."

"Die Hexe! Die Hexe!"

"Also gut, also gut. Beruhigt euch." Sie beugte sich über die Bettchen und deckte sie zu, dann hockte sie sich hin. "Ihr müsst mir aber versprechen, direkt danach einzuschlafen."

Mit Augen groß wie Untertassen, die Decken bis zum Kinn hochgezogen, nickten sie feierlich.

"Jennesta war eigentlich keine Hexe", erzählte Thirzarr.

Sie war eine Zauberin.

Als Magierin und Tochter von Magiern besaß sie große Kräfte. Kräfte, die stärker wurden, je mehr sie ihrer Verderbtheit nachgab, denn das Leid, das sie anderen zufügte, stärkte ihre Magie.

Ihre Eltern waren menschlich und nyadisch, was ihre beängstigende Erscheinung erklärte. Das menschliche Element trug zweifellos zu ihrer Grausamkeit bei. Ihre gemischte Herkunft verlieh ihr jedoch keinerlei Mitgefühl für eine dieser beiden oder irgendeine andere Rasse. Sie behandelte alle mit gleicher Kaltherzigkeit.

Jennesta nannte sich Königin. Obwohl sie ihren Titel und ihr Reich durch Täuschung und Brutalität erworben hatte, wagte es niemand, ihre zweifelhaften Ansprüche infrage zu stellen. In ihrem Reich regierte die Furcht mit der Peitsche in der Hand. Sie mischte sich in die Angelegenheiten der Menschen ein, unterstützte sie in einem und bekämpfte sie im nächsten Moment, wie es ihrem eigenen Interesse eben diente. Sie brach sinnlose Kriege vom Zaun und gab sich ihren sadistischen Neigungen hin. Sie säte Zwietracht und überzog das Land mit Blutvergießen und Feuer.

"Und zahlte mit dem Leben dafür."

"Papi!", riefen Corb und Janch. Sie richteten sich auf und warfen die Decken ab.

Seufzend wandte Thirzarr sich an die Gestalt, die leise eingetreten war. "Ich versuche gerade, sie zum Schlafen zu bringen, Stryke. Oh, Hallo, Haskeer. Hab dich gar nicht gesehen."

Die Orkkrieger schoben sich herein. "Tut mir leid" hauchte Stryke.

Zu spät, die Brut war schon auf den Beinen. Die Kinder stürmten zu ihrem Vater, klammerten sich an dessen Beine und forderten lautstark seine Aufmerksamkeit.

Er lachte. "Langsam, langsam. Und was ist mit Haskeer? Wollt ihr ihn nicht auch begrüßen?"

"Hallo, Onkel Haskeer."

"Ich glaube, er hat etwas für euch", fügte Stryke hinzu.

Sofort richteten sie ihre ganze Zuneigung auf Haskeer und trampelten in seine Richtung. Er packte die Bürschchen im Nacken, jeden mit einer riesigen Pranke, und hob sie kichernd hoch.

"Was hast du uns mitgebracht? Was hast du uns mitgebracht?"

"Dann wollen wir mal sehen." Er setzte sie wieder auf der festgestampften Erde ab.

Dann langte er in sein Wams und zog zwei schmale, in Tuch gehüllte Bündel hervor. Bevor er sie den Kindern gab, warf er einen fragenden Blick zu Thirzarr, die nickend ihr Einverständnis gab.

Die Brüder rissen die Verpackung auf und keuchten entzückt, als sie die wundervoll gearbeiteten Beile entdeckten. Die Waffen waren klein, für junge Hände gemacht, und hatten polierte, messerscharfe Klingen und geschnitzte Holzgriffe.

"Aber das wäre doch nicht nötig gewesen", sagte Thirzarr. "Nun, Jungs, was sagt ihr?"

"Danke, Onkel Haskeer!" Strahlend hackten sie in der Luft herum.

"Tja, es müsste doch bald Zeit für ihr erstes Blutvergießen sein", überlegte Haskeer. "Sie ... wie alt sind sie denn jetzt?"

"Corb ist vier, Janch ist drei", erklärte Stryke.

"Dreieinhalb!", berichtigte Janch ihn empört.

Haskeer nickte. "Da wird es höchste Zeit, dass sie etwas töten."

"Das werden sie schon noch tun", versicherte Thirzarr ihm. "Danke für die Geschenke, Haskeer, aber wenn es dir nichts ausmacht, würde ich die beiden jetzt gern ins Bett bringen."

"Kann es denn schaden, wenn sie noch etwas aufbleiben?", fragte Stryke.

"Sie sollen sich nicht wieder so aufregen. Könntet ihr nicht vielleicht ... etwas Feuerholz sammeln oder so?"

Stryke hatte die leise Drohung verstanden und war zu klug, um zu widersprechen. So ließ er sich mit Haskeer widerstandslos hinausscheuchen.

Der Sommernachmittag war in den frühen Abend übergegangen, das weiche Licht verlor das Gold und nahm die Farbe von Möhren an. Eine sanfte Brise wehte den süßen Duft der fruchtbaren Landschaft herbei. Leise Vogelstimmen waren zu hören.

Acht oder neun Blockhäuser standen in der Nähe, außerdem gab es eine Koppel und zwei Scheunen. Die Siedlung befand sich auf einer niedrigen Hügelkuppe, von der aus der Blick in alle Richtungen über grünes Land schweifte. Es gab saftige Wiesen und dichte Wälder, und in der Ferne zog der Silberfaden eines Flusses durch den smaragdgrünen Teppich.

"Lass uns ein Stück laufen", schlug Stryke vor.

Sie waren Musterbilder von erwachsenen Orks mit ihren breiten Schultern, den mächtigen Oberkörpern und der muskulösen Statur. Aus runzligen Gesichtern ragten markante Unterkiefer hervor, und in ihren Augen blitzte es wie Feuerstein. Beide trugen verblassende Narben auf den Wangen, wo die Tätowierungen, ihre alten Rangabzeichen und die Symbole ihrer Versklavung, entfernt worden waren.

Nachdem sie ein paar Minuten schweigend gelaufen waren, sagte Haskeer: "Ist es wirklich schon so lange her?"

"Hm?"

"Ich staune, dass unsere Bälger schon so alt sind. Kaum zu glauben, dass wir bereits so lange hier sind."

"Tja, so ist es aber."

"Die Zeit vergeht wie im Fluge."

"Sie schleppt sich dahin", antwortete Stryke abwesend.

"Was?"

"Hattest du schon mal das Gefühl ..."

"Was denn?"

"Versteh mich nicht falsch. Thirzarr zu finden, hier zu landen und Corb und Janch zu bekommen ... das ist das Beste, was mir je geschehen ist. Aber ..."

"Nun spuck's schon aus, Stryke, verflucht noch eins."

"Dieser Ort hier ist genau das, was wir uns immer gewünscht haben. Genug Wild, das wir jagen können, immer satt zu essen, Kameradschaft, Turniere, Blockhäuser für uns alle. Trotzdem, ist es dir nicht hin und wieder ein wenig ... langweilig?"

Haskeer blieb wie angewurzelt stehen. "Ich bin froh, dass du das sagst. Ich dachte, ich wäre der Einzige, dem es so geht."

"Du also auch, was?"

"Und ob. Den Grund weiß ich nicht. Wie du schon sagtest, hier lässt es sich gut leben."

"Vielleicht ist das der Grund."

Verwundert legte Haskeer die Stirn in Falten. "Was meinst du damit?"

"Wo ist die Gefahr? Wo ist der Feind? Sicher, manchmal haben wir Scharmützel mit anderen Stämmen, aber das ist etwas anderes. Was mir fehlt, ist ... eine Aufgabe."

Haskeer schritt eine Weile schweigend aus und grübelte über das Gehörte. "Gut möglich", meinte er schließlich. "Aber da können wir wohl nicht viel machen."

"Abgesehen davon, einen Krieg zwischen den Klans anzuzetteln, nein. Bleib ruhig, Haskeer. Das war ein Scherz."

"Oh."

"Aber du hast wahrscheinlich recht. Wir sollten dankbar sein für das, was wir haben."

"Wie auch immer, du bist jetzt für Thirzarr und die Kinder verantwortlich."

"Das ginge schon in Ordnung. Wenn wir eine Aufgabe hätten, würde sie es verstehen."

"Wirklich?"

"Aber klar. Das wäre bei dir nicht anders, wenn du verheiratet wärst."

Haskeer schnaubte. "Ich will mich nicht an eine Frau binden. Das würde mich nur behindern."

Sie liefen über einen gewundenen, gut ausgetretenen Pfad, der bis hinunter zum Weideland führte. Die Schatten wurden länger.

Dahinter kamen sie durch ein kleines Gehölz und überquerten auf Trittsteinen einen Bach. Auf der anderen Seite erhob sich eine breite Felsklippe, in der es zahlreiche Höhlen gab. Vor dem klaffenden Schlund der größten blieben sie stehen.

Nicht zum ersten Mal fragte Stryke sich, warum es ihn so oft zu diesem Ort zog.

Haskeer fühlte sich in dieser Gegend nicht wohl. "Hier bekomme ich immer eine Gänsehaut."

"Ich dachte, dich könnte nichts erschüttern."

"Verrate das jemandem, und ich reiße dir die Lungen aus dem Leib. Aber fühlst du es nicht auch? Wie ein übler Geschmack. Oder wie Aasgestank."

"Dennoch kommen wir immer wieder hierher."

"Du gehst hierher."

"Das erinnert mich an die letzte Mission der Vielfraße."

"Mich erinnert es vor allem daran, in welcher Verfassung wir hier angekommen sind. Das würde ich gern vergessen."

"Stimmt schon, es war ... unangenehm." Stryke dachte kurz an ihren Übergang, wie er es nannte, und unterdrückte ein Schaudern. Sie hatten einen umgestürzten Baum erreicht, auf den er sich setzte.

Haskeer ließ sich neben ihm nieder, den Blick auf den schwarzen Schlund der Höhle geheftet. "Von dort sind wir in dieses Land herübergekommen. Ich verstehe nur nicht, wie es vor sich ging."

"Ich verstehe es auch nicht; nur, dass Seraphim sagte, es sei so ähnlich wie eine Tür, die nicht in andere Räume, sondern in andere Welten führt."

"Wie kann das sein?"

"Das ist eine Frage für seinesgleichen, für einen Zauberer."

"Magie." Haskeer war voller Verachtung, beinahe spie er das Wort aus.

"Immerhin hat es uns hierher gebracht. Mehr brauchen wir nicht zu wissen." Stryke machte eine ausholende Geste. "Es sei denn, das alles hier ist nur ein Traum oder das Reich des Todes."

"Du glaubst doch nicht ..."

"Nein." Er bückte sich, riss ein Büschel Gras ab, zerrieb es und blies die Krümel von seinen verfärbten Fingern. "Das ist doch mehr als echt, oder?"

"Tja, ich mag es einfach nicht, wenn ich etwas nicht genau weiß. Das macht mich immer so ... nervös."

"Die Art und Weise, wie wir hierher gelangt sind, wird für alle Orks ein unergründliches Geheimnis bleiben. Finde dich damit ab."

Haskeer war nicht zufrieden. "Woher wollen wir wissen, ob wir hier auch sicher sind? Und wie kann man verhindern, dass es noch einmal passiert?"

"Es brauchte die Sterne, um zu funktionieren. Die Sterne sind wie ein Schlüssel, und sie haben es vollbracht, nicht diese Welt hier."

"Du hättest sie zerstören sollen."

"Ich weiß nicht, ob wir das überhaupt könnten. Aber sie sind an einem sicheren Ort, wie du weißt."

Haskeer grunzte skeptisch und starrte unverwandt den Eingang der Höhle an.

Eine Weile saßen sie schweigend beisammen.

Es war still bis auf das Rascheln kleiner Tiere und das leise Zirpen von Insekten. Vogelschwärme zogen gemächlich über sie hinweg, die Tiere kehrten zu ihren Nistplätzen heim. Allmählich ging die Sonne unter, es wurde kühl.

"Stryke."

"Ja?"

"Siehst das auch?"

"Ich sehe nichts."

"Schau doch!"

"Du bildest nur etwas ein. Da ist nichts ..." Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah scharf hin, um es zu erkennen.

In der Höhle schwebten winzige bunte Lichtpunkte. Sie wirbelten umeinander und flackerten, anscheinend wuchsen sie, und ihre Zahl nahm zu.

Die Orks standen auf.

"Fühlst du es auch?", fragte Stryke.

"Ein Erdbeben?", überlegte Haskeer.

Das Beben wurde stärker, eine Serie von Erschütterungen lief durch die Erde, und der Ursprung war die Höhle. Die Funken hatten sich zu einem leuchtenden, gleichmäßig pulsierenden Dunst verdichtet.

Dann gab es einen starken Lichtblitz, und eine sengend heiße Bö fegte aus der Höhle. Stryke und Haskeer mussten sich abwenden.

Das Licht erstarb, auch das Beben hörte auf.

Schweigen senkte sich über die Landschaft. Kein Vogel sang, auch die Insekten waren verstummt.

In der Höhle regte sich etwas.

Eine Gestalt tauchte auf. Steifbeinig kam sie in ihre Richtung.

"Ich hab's dir doch gesagt, Stryke!", brüllte Haskeer.

Sie zogen ihre Klingen.

Die Gestalt war jetzt nahe genug, um zu erkennen, was sie da vor sich hatten, und der Schock des Erkennens traf sie wie ein Faustschlag ins Gesicht.

Der Neuankömmling war noch recht jung, so weit man das bei dieser Rasse überhaupt erkennen konnte, die Haare ein feuerrotes Gestrüpp, das Gesicht mit widerlichen braunen Punkten besprenkelt. Das Wesen war vornehm gekleidet, sicher nicht für den Kampf. Eine Waffe war nirgends zu sehen.

Vorsichtig rückten sie mit erhobenen Schwertern weiter vor.

"Obacht", murmelte Haskeer. "Vielleicht kommen noch mehr."

Der Besucher näherte sich ihnen. Er lief kaum, sondern schlurfte eher, und glotzte sie an. Mühsam hob er den Arm. Dann taumelte er, seine Beine gaben nach, er stürzte. Der Boden war uneben, und er rollte noch ein Stück, ehe er liegen blieb.

Wachsam schlichen Haskeer und Stryke näher.

Stryke stieß ihn mit der Fußspitze an. Als keine Reaktion kam, trat er zweimal fester zu. Das Wesen regte sich nicht. Er bückte sich und tastete am Hals den Puls. Nichts.

Haskeer starrte das Wesen an. Er war außer sich. "Was hat so einer hier zu suchen?", fragte er. "Und was hat ihn umgebracht?"

"Ich kann keine offensichtlichen Verletzungen erkennen", erklärte Stryke, während er die Leiche untersuchte. "Komm, hilf mir mal."

Haskeer kniete nieder, und sie drehten den Körper herum.

"Damit wäre das beantwortet", sagte Stryke.

Das Menschenwesen hatte ein Messer im Rücken.


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